Donnerstag, 13. Mai 2010

Einem Alkoholiker helfen?

Natürlich können wir einem Alkoholiker versuchen zu helfen.
Es fragt sich nur, auf welche Weise und auf welcher Grundlage.

Jemand, der schon sehr lange trinkt, helfen zu wollen, ist ungemein schwierig. Der Alkohol verändert und programmiert Denken und Handeln, sowie das Gefühlsleben eines Alkoholikers vollkommen um. Zu ihm vorzudringen, ist fast nicht mehr möglich. Darüber muss man sich klar sein. Ganz am Anfang einer Alkoholkarriere verspüren Betroffene sehr oft noch den starken Wunsch, umzukehren und das Trinken ernsthaft sein zu lassen. Sie fühlen, dass der Alkohol etwas Massives mit ihnen anstellt, sie verändert und dass es ihnen damit zunehmend schlechter geht. Jemand, der bereits dunkel ahnt, dass er zuviel trinkt, stellt in "klaren" Zeiten vielleicht zaghafte Fragen an vertraute Menschen in seiner Umgebung:
dem Hausarzt, dem Kollegen, Freunden. (Selten sind es Familienangehörige, an die sie sich wenden. Die Scham und die Furcht, auf Unverständnis zu stoßen, hindert sie daran.)

Falls in diesem Stadium ernsthaft Hilfe gesucht wird, könnten tatsächlich wirksame Schritte aus der Sucht aufgezeigt werden. Dazu braucht es aber kurze und leicht nachvollziehbare Schritte in Richtung Suchtberatung, und konkrete Fachleute, an die sich der Hilfesuchende wirksam wenden und wo man sofort in das mehr oder weniger bereits vorhandene Suchtverhalten eingreifen kann. Voraussetzung ist natürlich, das der Betroffene selbst den ernsthaften Wunsch hegt, auf Dauer vom Trinken weg zu kommen. Dieser Wunsch muss von ihm selbst kommen! Ihn dazu überreden zu wollen, hat keinen Sinn.

Wie soll man reagieren, wenn sich jemand an einen wendet, der ein offensichtliches Alkoholproblem hat?
Sagen sie ehrlich ihre Meinung über den erhöhten Alkoholkonsum Ihres Gegenübers. Geben Sie klar zu Ausdruck, was sie vom veränderten Verhalten im Rauschzustand halten und dass Sie sich Sorgen über den Betroffenen und seine Angehörigen machen. Bieten Sie Ihre Hilfe und Unterstützung an bei der Suche nach Anlaufstellen in der Nähe des Alkoholgefährdeten. Wenn Sie sich selbst dazu nicht in der Lage sehen, dann suchen Sie nach Personen, die fachlich dazu in der Lage sind, diese Aufgabe zu übernehmen.

Ist die Sache erst einmal positiv ins Rollen gekommen, stehen die Chancen nicht so schlecht, dass der Betroffene sich tatsächlich in fachliche Hilfe begibt und etwas gegen seine Sucht unternimmt.
In dieser ersten Phase der Zweifel im Umgang mit dem erhöhten Alkoholkonsum ist die Bereitschaft, Ratschläge anzunehmen, am höchsten. Eine weitere Alkoholikerkarriere könnte man damit zumindest wirksam beeinflussen.

Gerade bei jungen Leuten wäre eine solche 1. Hilfe-Patenschaft "Weg vom Alkhohol" sehr wichtig.
Persönliche Gespräche mit geschulten Vertrauensleuten stark Alkoholgefährdeter am Arbeitsplatz können ebenfalls über die weiteren Konsequenzen ihrer Sucht aufklären und Wege aus dem Alkohol-Teufelskreis aufzuzeigen. In einigen Betrieben werden extra Vertrauensleute hierfür ausgebildet.

Leider bleibt es aber in vielen Betrieben lediglich bei einem "Alibi"-Aushang am Schwarzen Brett, auf dem steht, dass Alkohol unfallgefährdend sei. Den Betroffenen direkt darauf ansprechen scheut man sich, denn fast alle trinken ganz gern mal einen über den Durst (Chef mit eingeschlossen!) und haben Angst, sie selbst könnten auch einmal zu einem ähnlichen Gespräch gebeten werden. Da redet man lieber erst gar nicht drüber - und trinkt weiter sein Bierchen, mehr oder weniger heimlich, wenn im Betrieb Alkoholverbot herrscht. Gespräche dieser Art sind unangenehm - für alle Beteiligten. Und mit der Problematik vertraut sind immer noch die wenigsten.

Entgegen mancher Meinung ist der Alkoholmißbrauch am Arbeitsplatz keinesfalls rückläufig!
Ich habe schon Betriebe erlebt, in denen die Spätschicht die Nachtschicht mit Bier versorgt hat und umgekehrt. Da wurde der "Stoff" durch den Hintereingang hereingeschleust. Folge: die ganze Nachtschicht war besoffen - einschließlich der Vorarbeiter!

Von der Seite kann man als Angehörige eher nicht auf  Besserung hoffen. Vielmehr wird das Ganze noch im Kollegenkreis vertuscht und die Alkoholiker werden von den Kollegen von der Arbeitsleistung her mitgezogen, damit nur nichts rauskommt. Vor den Konsequenzen - nämlich striktes Alkoholverbot im Betrieb - hat jeder Angst.

Privat steht man dem Problem Trunksucht in der Regel machtlos gegenüber. Fachliche Hilfe ist für die meisten so weit weg wie etwa ein Krater auf dem Mond. Dazu wird das Problem in der Öffentlichkeit sowie in den Medien viel zu wenig besprochen. Die Folge ist, dass die meisten direkten Familienangehörigen hilflos zuschauen, wie sich der Betroffene zugrunde trinkt.

Wenn Personen, die regelmäßig Alkoholmißbrauch betreiben, mit Uneinsichtigkeit und gar Aggressionen reagieren, so ist dies bereits ein Hinweis auf das Vorliegen einer Alkoholsucht. Der Betroffene hat die Erfahrung gemacht, dass man ihn dann eher wieder in Ruhe läßt und er sich wieder ungestört seinem Alkoholkonsum widmen kann.

Angehörige werden auf diese Weise gezielt eingeschüchtert. Sie wollen keinen Unfrieden. Halten lieber den Mund. Das Thema wird mit der Zeit von allen Beteiligten peinlichst gemieden. Zu allem Überfluss prahlen die Betroffenen selbst gerne, wieviel sie zu welchen Anlässen vertragen haben usw. Mit der Zeit dreht sich alles nur ums Trinken und "Feiern". Überhaupt findet man dafür alle möglichen Beschreibungen. Der Alkohol wird verniedlicht. Aus einem Bier wird ein "Bierchen" und aus dem Schnaps ein "kleines Schnäpslein". "Kleine Sachen" können ja nicht schaden!
 
Wir Angehörigen sind Laien und können damit nicht umgehen. Dass wir all das entsetzlich finden, hilft uns auch nicht weiter. Wir wissen nicht, wie wir an den Betroffenen überhaupt noch herantreten sollen. Sofort kriegt der alles in den falschen Hals, dreht einem das Wort im Munde herum, fährt sämtliche Stacheln aus. Fühlt sich angegriffen und kontrolliert. Ist die Sucht fortgeschritten und ist kein Einsehen mehr zu erwarten, dann hat eine langwierige Alkoholikerkarriere begonnen und damit der Abstieg nach unten.

Die Angehörigen steigen "mit ab", durchleben jeden Rausch und jeden Kater hautnah.

Im Leben eines Alkoholikers gibt es trotzdem erstaunlicherweise immer wieder "lichte" Momente, Momente der zwangsläufig eintretenden, oft plötzlichen Abstinenz, des grauenvollen Katers, der den alkoholgepeinigten Körper nach jedem Alkoholexzeß, welcher ihn regelrecht von innen vergiftet und verbrennt, heimsucht. In den nüchternen Momenten weiß der Betroffene inzwischen genau, auf was er sich eingelassen hat und er ahnt, wie tief er schon gesunken ist. Nur: der nächste Fusel tröstet ihn wieder darüber hinweg - wenigstens bis zur nächsten Ausnüchterung. Was bleibt ihm auch anderes übrig. Auf Hilfe kann er nicht hoffen, denn wie er selbst es immer wieder behauptet hat:
Er ist schließlich k e i n  Alkoholiker!

Außenstehende machen sich keinen Begriff von dieser Berg- und Talfahrt die der Alkoholabhängige durchlebt. Einfach so aufzuhören, wäre doch einfach, könnte man meinen... Doch in Wahrheit ist es ungeheuer schwierig, auf  Dauer dem Alkohol zu entsagen. Erschwerend kommt hinzu, dass je länger das Trinken an Jahren angedauert hat, umso schwieriger wird es überhaupt, damit aufzuhören.

In Eigeninitiative klappt es in den seltensten Fällen, wenn auch Betroffene meinen, es ohne fremde Einmischung schaffen zu können. Auch sie sind diesbezüglich nicht ehrlich mit sich selbst und möchten vor allem unbedingt die Regie über ihr Trinken uneingeschränkt behalten. Denn in dem Moment, da Therapeuten und Ärzte Einfluss darauf nehmen, würde ihnen die Freiheit der Entscheidung, was den weiteren Mißbrauch von Alkohol angeht, abgenommen werden. Und es gibt nichts Schlimmeres für einen Alkie, wenn er beim Trinken kontrolliert wird.

Und die Vorstellung, nie mehr wieder trinken zu dürfen, ist ein Gedanke, den kein Alkoholiker ertragen kann. Nicht umsonst haben die Anonymen Alkoholiker den Wahlspruch, zunächst einmal nur HEUTE trocken bleiben zu wollen. Über das Morgen denkt man zunächst nicht nach, weil die Zukunft ohne Flasche undenkbar ist für einen, der gerade angefangen hat, davon loszukommen.

Partner von Trinkern sind diejenigen, die mit "ganz vorne" sind. Sie bekommen am von den Folgen der Alkoholsucht zu spüren, sei es seelisch und leider oft auch in Form von körperlicher Gewalt. Sie alleine schaffen es keinesfalls, nachhaltig Einfluß auf das Trinkverhalten zu nehmen, indem sie den Betroffenen ständig mit der bereits konsumierten Menge konfrontieren oder heimliche Alkoholwegnahme praktizieren. Nur auf dem Mond gibt's keinen Alkohol zu kaufen!

Gefühle für den Betroffenen machen die Sache noch auswegloser. Denn wo Gefühle wie Liebe sind, kann keine Therapie wirken, egal, wie engagiert und einfallsreich Angehörige da auch sein mögen. Partner können Trinker nicht zur nachhaltigen Abstinenz bewegen. Die Gefühle, vor allem Liebe, verhindern es - so komisch das klingen mag. Betroffene akzeptieren ihren Partner nicht als Privat-Therapeuten in ihrem Suchtproblem. Dies würde nur Erniedrigung und Bloßstellung bedeuten. Und sich erniedrigt zu fühlen, schüttet beim Alkoholiker Öl ins Feuer! Meist haben Trinker von Haus aus ein mieses Selbstbewußtsein - sonst würden sie ja nicht trinken müssen!

Kompliziert wie man sieht.
Deshalb: Finger weg!
Nur Fachleute können einen Trinker in den Griff kriegen - wenn überhaupt.
Darüber muss man sich als Partner leider klar werden.

Und diese Einsicht dauert lang - oft ein ganzes, tragisches Leben lang!
Wenn also keine Einsicht zu erwarten ist, dann steht bei Ihnen eine Entscheidung an:

Steigen Sie mit ihm ab oder machen Sie lieber einen Schlussstrich unter diese vielleicht ausweglose Alkoholikerliebe?

Leben Sie (wieder) ihr eigenes Leben, wenn Ihnen ihr Leben lieb ist.

Und - wenn Sie Glück haben, läßt sich ihr Trinker durch Ihre rigorose Abkehr von ihm und seiner Trunksucht doch noch "bekehren" und beginnt mit einer wirkungsvollen Therapie in einer Klinik.

Nur so funktioniert es und nicht anders!

Haben Sie hierzu noch Fragen?

Unter barriere-alkohol@web.de können Sie mir Ihren Fall schildern.
Ich werde gerne meine Meinung dazu schreiben.

Infos und Anregungen finden Sie in diesem Blog auf  den Seiten
"Hilfe und Beratung suchen" und
"Adressen Selbsthilfegruppen"

Herzlichst

Marie-Therese

Montag, 10. Mai 2010

Liebe, Treue und Alkohol


www.sheepdog.de                       Fotograf: Bernd Röttger


Angehörige, die einen Alkoholiker lieben, sei es in einer Ehe, Partnerschaft oder Liebesbeziehung, können es immer wieder bestätigen:

Übermäßiger Alkoholgenuss erschüttert auf Dauer jede Liebesbeziehung, umso mehr, wenn gleich beide Partner trinken. Die Gefahr eines Seitensprung ist bekanntermaßen im betrunkenen Zustand wesentlich höher. Wachsendes, gegenseitiges Mißtrauen und rasende Eifersucht sind die Folgen. Keiner weiß, was trinkende Partner im Suff so treiben und wie weit sie zu gehen bereit sind. Meist kann er sich anderntags nur noch bruchstückhaft erinnern, geschweige denn erklären, wie es zu den sexuellen Handlungen ausserhalb der Beziehung gekommen ist. Ein Faktor, der jedes Vertrauen nachhaltig zerstört. Oft ist es sogar so, dass der Alkoholkranke einen absoluten Filmriß hat und es völlig abwegig erscheint, ihn für Geschehenes nachträglich zur Verantwortung zu ziehen. Im Laufe der Zeit sinkt nämlich die sexuelle Hemmschwelle und alles ist "drin"! Typisch übrigens für die Krankheit Alkoholismus. Eine Tatsache, die viele nicht wissen.

Mein Ex hat sogar einmal einer Bedienung im Lokal in meinem Beisein ungeniert in den Drindl-Ausschnitt gegriffen und blitzschnell und vor aller Augen einer ihrer Brüste herausgeholt! Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits einige Gläser Wein intus. Noch einige Jahre zuvor hätte er niemals so etwas getan.
Langjähriger Alkoholmißbrauch überschreitet die moralischen Grenzen im menschlichen Miteinander
Im Suff werden erfahrungsgemäß Sachen gesagt und ausgesprochen, die derjenige nüchtern nie sagen/tun würde. Aus einem heißen Flirt wird im Nu eine echte Unverschämtheit und ungefragt erzählte, schmutzige Witze lösen eigentlich nur Abscheu und Unwillen bei den Anwesenden aus, die in den meisten Fällen nicht flüchten können und ungewollt Zeuge solcher "Darbietungen" werden. Peinlich und obskur! Wer will denn schon auf der gleichen Stufe stehen mit so einer/einem?
Betrunkene Frauen neigen im Gegensatz zu Männern vorwiegend zu unanständigem Benehmen in der Öffentlichkeit. Wie es scheint, hat dies mit der gesellschaftlichen Situation der Frau zu tun, die stets als anständig und gesittet aufzutreten hat. Da zieht sich schon dieselbe Lady mitten auf der Tanzfläche plötzlich aus, die vor zwei Stunden elegant und entsprechend arrogant das Lokal betreten hat. Tja, wer hätte das von ihr geglaubt? Moralverlust...

Kein Wunder, dass der nächste, massive Streit nach solchen Szenen vorprogrammiert ist. Mit jedem moralischen Ausrutscher in der Beziehung geht ein großes Stück Vertrauen und Gemeinsamkeit den Bach hinunter. Die Trennung ist irgendwann unausweichlich, denn allein die Vorstellung der Untreue im Rausch läßt den anderen, der dennoch liebt, schier verzweifeln. Denn was hilfts, dass der (nur) nüchtern treu bleiben kann??

Der Griff zur Flasche und sexuelle Untreue gehen oft gemeinsame Wege, auf die eine oder andere Art. Vielleicht, so habe ich mich gefragt, bietet gerade diese Ungezügeltheit und Enthemmung einen gewissen Anreiz beim Alkoholgenuß, wenn sie auch beim Mann körperlich oft unerfüllt bleibt, so findet sie zumindest in Worten und im Kopf statt. Langjährige Alkoholiker kriegen bekanntlich "keinen mehr hoch". Und je unfähiger im Bett umso lasterhafter und ordinärer das Benehmen, wenn wieder mal einer "in der Krone" sitzt. Ein Erscheinungsbild, dass wir alle kennen!

Ich konnte bei mir auch noch ein weiteres Phaenomen beobachten:
Hatte sich mein Partner freiwillig zur Abstinenz verpflichtet, so empfand ich einen Rückfall in den Suff ähnlich wie einen Seitensprung des Partners. Ich fühlte mich maßlos verraten und für dumm verkauft!
Ich ging in Konkurrenz mit dem Alkohol! Er hatte mir doch versprochen, nichts mehr zu trinken, ist gleichzusetzen mit dem Versprechen, treu zu bleiben.
Ein Verrat der anderen Art.

Was, fragte ich mich, ist ihm wichtiger? Ich oder der Schnaps?

Natürlich letzteres! Welche Frage! Nur...
Ich wußte nicht, dass er nicht anders konnte, nahm es total persönlich!
Suchte womöglich bei mir selbst den Auslöser für diesen (erneuten) Verrat!

Er hätte genausogut mit einer anderen....
Hintergangen zu werden, tut so weh!
Welch dummer Ehrgeiz!
Ich konnte nicht loslassen. Lernte nie, los zu lassen.
Klammern, festhalten, zurechtbiegen, einen anderen Menschen aus ihm machen wollen...
Das alles hatte einen ungemein hohen Stellenwert für mich.

Nur, dass hierbei die Liebe ebenfalls auf der Strecke blieb...
Die Liebe, die eigentlich die Antriebsfeder war für all die Opfer und den Verzicht.
Eine bittere Erfahrung.
Denn da, wo auf Dauer der Suff regiert, hat die Liebe oft verspielt.

Es sei denn, Du übst einmal echten Druck aus und prüfst, ob es sich noch lohnt,
bei diesem Menschen auszuharren, dem das zügellose Leben mehr bedeutet,
als die Tatsache, dass Du ihn (immer noch) liebst.

Check it out!
Es liegt an Dir, aber nur, wenn Dir etwas daran liegt...

Herzlichst
Eure Marie-Therese
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Coabhängiges Verhalten - woran erkennt man es?

Bildquellenangabe:   Uta Herbert - pixelio.de Der Mann Deiner Schwester, Deiner Freundin...