Freitag, 30. Januar 2009

Ausgegrenzt

Irgendwann habe selbst ich es gemerkt...
Ich, die dauernd mit diesen riesigen Scheuklappen durch die Gegend läuft, wie in einem Hamsterrad, Tag für Tag, ohne weder nach links noch nach rechts zu blicken.

Unsere gesamte Familie wird doch inzwischen ausgegrenzt.
Ich bin sicher: man spricht hinter vorgehaltener Hand über uns.
Doch ich will es nicht wahrhaben. Noch nicht.

Ich gehe auch längst nicht mehr in die Öffentlichkeit mit Pit.
Wie hätte ich dann merken sollen, wie sehr wir schon zu
Außenseiter geworden waren?
Ich vermeide es, mich mit ihm zu zeigen.
Mit Pit auszugehen ist eine nämlich sowas wie eine Mutprobe!

Hat er einiges intus, stellt es sich plötzlich alleine auf die Tanzfläche und fuchtelt mit den Armen herum wie einer, der gerade irgendeinen Anfall durchlebt.
Das nennt Pit dann "Tanzen".
Oh, du mein Gott! Welche Blamage!

Jedoch meistens überspringt er "seinen Auftritt" und ist schon nach kurzer Zeit sternhagelvoll! Irgendwo in einer Ecke musste er sich heimlich Schnaps hinter die Binde gegossen haben.
Er verdreht schon wieder die Augen und sein Kopf sinkt immer weiter in Richtung Tischplatte, bis er schließlich an Ort und Stelle einschläft.

Ich schwanke dann zwischen davonlaufen oder mich verstecken.
Beides ist meistens nicht möglich. Diese "Gesellige Beisammensein-Abende" finden in den meisten Fällen nicht am Wohnort, sondern irgendwo im Umland statt, so dass ich nicht einfach so nachhause gehen kann. Wir besitzen kein Auto. Pit hat keinen Führerschein. Ein Segen, nehme ich an. Also bin ich immer auf die Hilfe von anderen angewiesen, wollte ich mal vorzeitig nachhause. Ein Taxi kommt zu teuer.

So harre ich wohl oder übel aus, höre Pit beim Schnarchen zu.
Manchmal muss ich auch entsetzt miterleben, wenn andere dem schlafenden Pit rabiat auf den Rücken schlagen, um ihn wach zu kriegen. Die Reaktion ist aber immer nur ein Grunzen, tief aus seinem Brustkasten. Dann schläft er weiter für den größten Rest des Abends.
Einige finden das lustig. Sie lachen! Für mich ist sowas eine tiefpeinliche Situation!
"Oh Erde, tue dich auf und verschlinge mich!", wünsche ich mir dann inbrünstig.
Mutter Erde aber läßt mich hängen.

So lerne ich, dass, wenn ich es wage, mit meinem Mann mal wieder was zu unternehmen, ich spätestens ab 9 Uhr abends auf mich alleine gestellt bin. Und nicht nur das.
Ich langweile mich jedesmal zutode! Kein anderer Mann aus dem Verein wagt es, mit mir zu tanzen. Die Frauen ingnorieren mich grundsätzlich. Keine aus dem Verein will sich mit mir unterhalten, obwohl oder gerade deshalb, weil ich im Gegensatz zu ihnen wesentlich jünger und nicht ganz unattraktiv bin.

Traurig begreife ich, dass sich der gesamte Verein von mir distanziert, mir, die völlig unschuldig an der Situation ist. Na klar, denke ich, kein Wunder! Ist auch viel zu kompliziert, sich mit dieser offensichtlichen Alkoholiker-Problematik auseinander zu setzen. Wie gut, dass es uns im Grunde nichts angeht!, denkt doch ein jeder und heute wollen wir uns doch amüsieren und uns nicht mit den Problemen anderer belasten! Und wer weiß, wie der Typ erst reagiert, wenn er unverhofft wieder nüchtern werden sollte?

Und so werde ich mit Pit über einen Kamm geschert. Einfach so.
Mit Pit zusammen ausgegrenzt.
Geächtet. Verachtet. Und was das Schlimmste ist:
Ignoriert!
Ich hätte mich ebensogut neben ihn legen und auch schlafen können.
Der Unterschied wäre nicht aufgefallen!

Sie haben ja recht! Es ist mein Problem!
Menschen sind da mitleidlos.

Selbst schuld, wenn sie sich mit so einem zusammen tut!,
mögen sie vielleicht denken.
Was wissen den die schon! denke ich verbittert.
Keiner ahnt, warum ich so unerschütterlich bei ihm bleibe.

Ich weiß es ja selbst nicht, komme einfach nicht von ihm los, diesem Idioten,
der sich langsam aber sicher zugrunde trinkt und -
den ich immer noch so sehr liebe!

Doch was habe ich davon?
Kriege ich was dafür?
Einen Orden vielleicht?
Was mache ich denn eigentlich noch hier?
Warum bin ich nicht schon längst weg?
Über alle Berge?
Was hält mich noch?

Ich.
Ich mich.
Tausend Zweifel, tausend Gründe um zu bleiben.
Um zu helfen? Um etwas zu ändern?
Um pflichtbewußt zu kontrollieren,
wie weit unten er schon ist...?
Um ihn was? Aufzufangen?

War's das?
Ich bin noch so jung!
Das kann's doch nicht gewesen sein?

Und ich merke, wie ich neben mir sitze und mich selbst bemitleide.
Doch das ändert nichts an meiner Situation.

Ich muss was tun!, denke ich ganz konkret.
Ich w e r d e etwas tun.
Ich werde g e h e n ! beschließe ich grimmig.

Irgendwann...

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