Donnerstag, 24. September 2009

Mama ist tot

Einsamkeit...

Da denkt man sofort an alte Menschen,
die nur noch herumsitzen,
die niemanden mehr haben,
die keiner mehr besucht.

Auch ich hatte so einen alten Menschen.
Meine Mutter.
Manchmal war es noch richtig schön, sie zu besuchen.
Manchmal aber auch sehr anstrengend,
und manchmal, ja ich gebe es offen zu:
Eine echte Herausforderung!
Ihren Alterszorn, ihr Gejammere,
ihre Nörgeleien...

Nun ist ihr Lebenslicht endgültig verlöscht.
Mutter ist tot.
Nun bin ich es, die einsam ist...

Eigentlich hatte ich nie so recht daran glauben wollen,
dass sie irgendwann nicht mehr da sein könnte.
Noch jeden Samstag Morgen bin ich versucht, sie anzurufen,
sie zu fragen, ob ich etwas besorgen soll...

Ach, Gott, wo denke ich nur hin?

Sofort fühlt man sich selbst alt.
Man ist plötzlich niemandes Kind mehr.
Ist automatisch nachgerückt,
hat sich angestellt in der langen Reihe,
in Richtung "Altwerden".

Und Schuldgefühle beschleichen mich,
sie ziehen Resümé, stellen mein Verhalten
gegenüber Mutter in der letzten Zeit
auf den Prüfstein.

Ja! Ich war manchmal wirklich ungeduldig mit ihr!
Oft behandelte ich sie wie ein kleines Kind.
Die einst so starke Frau hatte sich so verändert,
war so weinerlich, so ängstlich geworden,
ständig zweifelnd darüber,
was sie tun oder lieber doch lassen sollte.

Wo war sie nur geblieben,
die Willensstarke, die Unbeugsame,
die Fordernde, die sie einmal gewesen war?

Und nun... ist sie einfach nicht mehr da...

"Mama, ich liebe dich!"
möchte ich ihr nochmal sagen,
meinen Arm um die gebrechlichen Schultern legen,
ihren faltig gewordenen Mund küssen,
in ihre unsicher blickenden Augen schauen
um herauszufinden, was sie brauchte,
denn sie bat mich nur selten um etwas.
Nun bleibt mir nur eines zu fragen:
Ist es das, was das Leben mit uns macht?
Werden wir alle so?

Ist dies die Lehre, die wir aus dem Leben ziehen?
Klein und schwach und krank zu werden,
um schließlich auf die Güte, Gnade und Barmherzigkeit
unserer Kinder oder gar von Fremden angewiesen zu sein?

All unsere Stärke und Kraft und unsere Vitalität
unaufhaltsam aus uns heraussickern zu sehen,
ohne auch nur das geringste dagegen machen zu können?
Das Leben Stück für Stück eintauschen zu müssen
mit unablässigen Schmerzen in den Gelenken und überall?
Ist es das, was das Leben mit uns macht?

Dann habe ich ja noch einiges vor mir...

Und plötzlich möchte ich nicht mehr alt werden!
Ich, die sich nie vor dem Alter gefürchtet hat,
fürchtet sich plötzlich?

Aber nein!
Ich bin sicher, das Leben hält für mich noch einiges parat!

Noch ist keine Zeit fürs Jammern!
Noch hatte ich nichtmal ein Enkelkind
auf meinem Schoß sitzen!

Noch bin ich am Leben und - noch bin ich gesund.
Und wild entschlossen, es noch lange Zeit zu bleiben!
Den jetzt sehe ich das Leben mit völlig anderen Augen...

All denen, die ebenfalls kürzlich ihre Mutter verloren haben,
gebe ich dieses wunderschöne Gedicht zum Trost,
das mir meine beste Freundin schickte,
als sie von meinem Verlust erfuhr:

Mütter sterben nicht, gleichen alten Bäumen.
In uns leben sie und in unseren Träumen.
Wie ein Stein den Wasserspiegel bricht,
zieht ihr Leben in unserem Kreise.
Mütter sterben nicht, Mütter leben fort auf ihre Weise.

~ * ~

Eure Marie-Therése

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